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NAVORYNTH · Wissen · 04.11.2026

Die Geschichte des Webs: vom ersten Link bis zum 3D-Labor im Browser

1990 führte ein Link am CERN zum nächsten Dokument. Heute öffnet ein Link ganze Experimente im Browser. Eine Reise durch 36 Jahre Web – verständlich erklärt.

Ein Klick, der die Welt verändert hat

Heute bemerkst du einen Klick auf einen Link kaum noch. Du tippst, und eine neue Seite erscheint. 1990 steckte am CERN in Genf hinter genau diesem Klick eine ziemlich grosse Idee: Ein Dokument konnte dich direkt zum nächsten führen.

In diesem Artikel begleiten wir einen Menschen, der etwas über ein wissenschaftliches Experiment herausfinden will. Am Anfang kann er nur auf einen Textverweis klicken. Später sieht er Bilder, schreibt Beiträge, spielt Videos ab – und am Ende führt er das Experiment selbst im Browser durch. Als Beispiel dient uns dafür eine erfundene Wissenschaftsseite: das Wellenlabor.

1989–1990: Eine Idee am CERN

Im März 1989 schrieb der britische Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee am CERN einen Vorschlag mit dem nüchternen Titel «Information Management: A Proposal». Das Problem war alltäglich: Tausende Forschende arbeiteten an verschiedenen Projekten, ihre Unterlagen lagen auf unterschiedlichen Rechnern, und vieles ging einfach verloren. Wer wusste, wo ein bestimmtes Dokument lag?

Seine Antwort war Hypertext: Dokumente, die über Verweise miteinander verbunden sind. Bis Ende 1990 liefen auf einem schwarzen NeXT-Rechner am CERN der erste Webbrowser und der erste Webserver. Die allererste Website erklärte das World-Wide-Web-Projekt selbst – CERN hat sie restauriert, sie ist bis heute unter info.cern.ch zu sehen.

Wichtig ist dabei ein Unterschied, der oft verwechselt wird: Das Internet verbindet Rechner. Das Web macht Dokumente über Links zugänglich. Das Internet gab es also schon; das Web war eine neue Schicht darüber.

1991–1993: Das Web verlässt das Labor

1991 kündigte Berners-Lee das Projekt öffentlich in einer Newsgroup an. Nun konnte jemand an einem ganz anderen Ort eine Adresse eingeben und eine Seite von einem entfernten Server abrufen.

Gebaut waren diese Seiten mit HTML, der Hypertext Markup Language. Das Prinzip ist einfach: Markierungen sagen dem Browser, was ein Textstück ist. Eine Markierung hebt die Überschrift hervor, eine zweite kennzeichnet einen Absatz, eine dritte macht ein Wort zum anklickbaren Verweis.

1993 kam der Browser Mosaic. Er zeigte Bilder direkt neben dem Text an – plötzlich sah das Web nicht mehr aus wie ein Bibliothekskatalog. Und am 30. April 1993 traf CERN eine Entscheidung mit enormer Wirkung: Die Websoftware wurde frei verfügbar gemacht. Jede Universität, jede Firma und jede Privatperson konnte nun einen eigenen Webserver einrichten, ohne Lizenzgebühren zu zahlen.

1994–1996: Daten, Verhalten und Gestaltung

Mitte der 1990er-Jahre bekamen Webseiten drei neue Fähigkeiten.

PHP: 1994 schrieb Rasmus Lerdorf kleine Werkzeuge, um zu erfassen, wer seinen Online-Lebenslauf besuchte. 1995 veröffentlichte er sie. Daraus wurde PHP, eine Sprache, die auf dem Server läuft. Im Wellenlabor heisst das: Ein Besucher schreibt «Versuch gelungen!» ins Gästebuch, der Server speichert den Eintrag, und auf einem ganz anderen Rechner ist derselbe Eintrag sofort zu lesen.

JavaScript: 1995 entstand bei Netscape eine Sprache, die direkt im Browser läuft. Schiebt jemand im Wellenlabor den Regler «Amplitude» nach oben, wird die gezeichnete Welle sofort höher – die Seite muss dafür nicht neu geladen werden. Der Code reagiert dort, wo du gerade bist.

CSS: Ende 1996 veröffentlichte das W3C die erste Fassung der Cascading Style Sheets. Damit wurden Inhalt und Gestaltung getrennt. Schrift, Abstände und Farben stehen in einer eigenen Datei. Der Text bleibt derselbe, aber aus einer dichten Textwüste wird eine gut lesbare Seite mit klarer Überschrift, Luft zwischen den Absätzen und einer Akzentfarbe.

Die 2000er: Aus Lesern werden Mitwirkende

In den 2000er-Jahren änderte sich die Rolle der Menschen im Web. Sie lasen nicht mehr nur, sie schrieben mit. Blogs, Foren, Wikis und soziale Netzwerke machten es leicht, Fotos, Texte und Kommentare zu veröffentlichen. Im Wellenlabor lädt jemand ein Foto seines Experiments hoch, eine andere Person ergänzt eine Beobachtung – und beide Beiträge stehen auf derselben Seite.

Um 2005 verbreitete sich eine Technik mit dem Namen AJAX. Der Browser fragt dabei im Hintergrund Daten beim Server an und ersetzt nur den Teil der Seite, der sich ändert. Tippst du «Wasser» ins Suchfeld, erscheinen darunter passende Versuche, während Kopfzeile und Suchfeld stehen bleiben. Webseiten fühlten sich damit zum ersten Mal an wie Programme.

2009–2014: Vom Desktop aufs Handy

2009 stellte Ryan Dahl Node.js vor. Damit kann JavaScript nicht nur im Browser, sondern auch auf dem Server laufen. Eine Sprache für beide Seiten: Im Browser reagiert JavaScript auf den Klick «Messung speichern», auf dem Server nimmt ein Node.js-Programm die Messung entgegen, und die Bestätigung erscheint erst, wenn sie wirklich gespeichert ist.

Gleichzeitig wanderte das Web in die Hosentasche. Responsives Design sorgt dafür, dass sich eine Seite an die Bildschirmgrösse anpasst: Aus einem dreispaltigen Laborjournal am Monitor wird auf dem Smartphone eine einzige, gut lesbare Spalte. Und mit HTML5 wurden Funktionen wie eingebettetes Video zum Standard – ein Tipp, und das Experimentvideo spielt direkt in der Seite. Am 28. Oktober 2014 wurde HTML5 offiziell zur W3C-Empfehlung.

Die späten 2010er: Der Browser wird zum Werkzeug

Früher hätte ein Schüler im Wellenlabor eine Versuchsanleitung gelesen. Heute setzt er mit der Maus zwei Wellenquellen und sieht sofort ein berechnetes Interferenzmuster: Wellen, die sich verstärken und auslöschen.

Möglich macht das unter anderem WebAssembly. Damit lässt sich ein vorhandenes Berechnungsprogramm, zum Beispiel ein Wellenmodell aus C++, so übersetzen, dass es im Browser fast so schnell läuft wie auf dem Computer selbst. Die Aufgaben sind verteilt: WebAssembly rechnet, JavaScript kümmert sich um die Bedienung und die Darstellung. Zieht der Schüler eine Quelle an eine andere Stelle, verändert sich das Muster sofort. 2019 wurde WebAssembly zur W3C-Empfehlung.

Die 2020er bis heute: Ein 3D-Labor in einem Tab

Der nächste Schritt führt in die dritte Dimension. Mit WebGPU kann eine Webanwendung die Grafikhardware eines unterstützten Geräts nutzen – für die Darstellung und für viele parallele Berechnungen. Aus dem flachen Wellenbild wird eine dreidimensionale Wasseroberfläche. Tausende Punkte werden gleichzeitig neu berechnet, und wer die Frequenz ändert, sieht sofort neue Muster entstehen.

WebGPU und WebAssembly sind zwei aktuelle Entwicklungslinien, die sich parallel weiterentwickeln. Am 4. November 2026 hat das W3C eine neue Fassung der WebAssembly-Spezifikation veröffentlicht. Das Datum bezeichnet eine neue Version des Standards – WebAssembly selbst gibt es schon seit Jahren in allen grossen Browsern.

Zurück zum ersten Klick

Stell dir die beiden Bilder nebeneinander vor: links die schlichte Textseite auf dem NeXT-Rechner von 1990, rechts das laufende dreidimensionale Experiment von heute. In beiden Fällen klickt jemand mit der Maus.

1990 führte dich ein Link zu einem Dokument über ein Experiment. Heute kann derselbe Link das Experiment selbst öffnen. Das Prinzip ist geblieben – verbunden durch einen einfachen Verweis von einem Dokument zum nächsten.

Quellen

  • https://home.cern/about/birth-web
  • https://info.cern.ch/hypertext/WWW/TheProject.html
  • https://www.w3.org/History/1989/proposal.html
  • https://web30.web.cern.ch/web-history.html
  • https://www.php.net/manual/en/history.php.php
  • https://www.w3.org/TR/CSS1/
  • https://nodejs.org/en/about
  • https://alistapart.com/article/responsive-web-design/
  • https://www.w3.org/TR/2014/REC-html5-20141028/
  • https://www.w3.org/TR/wasm-core-2/
  • https://www.w3.org/TR/webgpu/

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